Wildtierwunden

Wildtiere verstehen und schützen – Blog für Tierpflege und Perspektivwechsel

Erst überwintern, dann auswildern – So bringst du „Deinen“ Igel gut durch den Winter

Besonders im Herbst und Winter tummeln sich die Igel auf der Wildtierstation des Tierheims München. Genesene Pfleglinge sollten so schnell wie möglich in die Freiheit zurück, doch leider spielen die Temperaturen bei fortgeschrittener Jahreszeit nicht mehr mit. Trotzdem sollen die Tiere nicht den ganzen Winter auf der Station verbringen müssen und dürfen unter besonderen Umständen bereits ausziehen.

Hierbei kann jeder mit einem igelfreundlichen Garten helfen und einen Igel erst durch den Winter und dann zurück in die Freiheit begleiten.

Alles, was Du bei der Überwinterung beachten musst, erfährst Du in diesem Beitrag!

Was es bedeutet einen Igel zu überwintern

Das oberste Ziel ist immer die Auswilderung der Igel-Patienten. Wenn es draußen aber schon winterlich ist, ist es zu spät, um das Tier komplett in die Freiheit zu entlassen. Dann besteht nämlich die Gefahr, dass sich gerade unerfahrene Igel kein richtiges Nest suchen und den Winter schlecht oder gar nicht überstehen.

Deshalb werden die rausgegebenen Igel zunächst kontolliert überwintert. Daran schließt sich in der Regel nahtlos die Auswilderung an. Schau Dir also auch den Beitrag speziell zur Igel-Auswilderung gut an: Einen Igel aus dem Tierheim auswildern – Alles, was Du dafür wissen musst

Und wie Du Dich für die Überwinterung und Auswilderung bei der Wildtierstation melden kannst, erfährst Du hier: Die Wildtierstation unterstützen: Wie Du Dich für die Igel-Auswilderung melden kannst

Welche Igel die Wildtierstation überhaupt verlassen dürfen

Grundsätzlich werden von der Wildtierstation nur Tiere freigegeben, die wieder fit und bereit für den Winterschlaf sind.

Ein solcher Altigel hat üblicherweise 800 bis 1000 Gramm – ein Jungigel entsprechend 500 bis 600 Gramm. Außerdem muss jedes Tier nach Abschluss der Behandlung noch eine gewisse Zeit wach gehalten werden, um die Medikamente vollständig zu verstoffwechseln. Das geschieht immer auf der Station, so dass der Igel, sobald er bei Dir ist, auf jeden Fall einschlafen darf.

Das benötigst Du für die Überwinterung

Da auf jede Überwinterung auch eine Auswilderung folgt, brauchst Du auch hierfür ein Auswilderungsgehege, ein Igelhäuschen mit Stroh und gegebenenfalls ein Futterhäuschen. Welche Vorgaben und Empfehlungen jeweils gelten, findest Du detailliert im dazugehörigen Beitrag: Einen Igel aus dem Tierheim auswildern – Alles, was Du dafür wissen musst

Der Igel sollte immer in seinem Häuschen im Garten überwintert werden! Wohn- und Kellerräume sind ungeeignet, da die Temperatur zu hoch ist und insbesondere UV-Strahlung fehlt, was den Igel krank machen kann.

Angepasste Fütterung im Winter

Hierbei gibt es etwas mehr zu beachten:

  • Für die ersten paar Tage in Deinem Garten und für die Zeit nach dem Winterschlaf solltest Du wie auch bei der bloßen Auswilderung auf Insektenfutter (zum Beispiel von der Marke Entava), gemischt mit getrockneten Mehlwürmern setzen. Denn auch wenn der Igel auf der Station schon in den Winterschlaf gefallen ist, wird er durch den Umzug wahrscheinlich aufgewacht und mindestens in der ersten Nacht aktiv sein.
  • Speziell für Insektenfutter gilt folgende Faustregel für Igel, die bereit für den Winterschlaf sind: 10-15% ihres Körpergewichts entsprechen der täglichen Futtermenge.
  • Für eventuelle, kurze Wachphasen im Winter eignet sich zum Überbrücken ein hochwertiges Katzentrockenfutter, da dies auch eine gewisse Zeit im Häuschen stehen kann, ohne sofort zu verderben. Die Wildtierstation verwendet beispielsweise „Mother & Babycat“ von Royal Canin, das wegen den kleinen Häppchen besonders gut von Igeln jeder Größe gefressen werden kann.
  • Nachdem der Winterschlaf im Frühjahr beendet wurde, sollte der Igel wieder auf sein Ursprungsgewicht vor dem Winterschlaf aufgefüttert werden. Da dürfen es vom Insektenfutter gerne 20-30% des eigenen Körpergewichts sein. Auch lebende Mehlwürmer sind besonders reichhaltig und führen schnell zur Gewichtszunahme.
  • Alternativ zu Insektenfutter eignet sich vorübergehend (!) auch ein hochwertiges Katzenfutter mit hohem Fleischanteil und ohne Getreide. Zu empfehlen wäre hier Carny von Animonda.

Frisches Wasser muss dem Tier IMMER zur Verfügung gestellt werden. Ein kleiner Tropfen Speiseöl wirkt dabei schnellem Zufrieren entgegen.

Am besten stellst Du das Futter abends ins Gehege und wechselst abends das Wasser, da der Igel erst in der Dämmerung aktiv wird und das Futter dann noch möglichst frisch ist.

Wie eine gelungene Überwinterung genau abläuft

Ist das Auswilderungsgehege aufgebaut, das Häuschen mit Stroh gefüllt und sind die Futterdosen bzw. das Trockenfutter in Reichweite, kann der Igel einziehen – unabhängig von der Witterung, denn der Igel soll ja kontrolliert überwintern.

Wie genau Du Dich für die Überwinterung und Auswilderung bei der Wildtierstation des Tierheims München melden kannst, erfährst Du hier auf der Webseite des Tierschutzvereins.

Der Umzug ins Winterquartier

Wenn der Dir zugeteilte Igel bereit ist, wirst Du meist telefonisch von der Wildtierstation benachrichtigt. Dabei erhälst Du üblicherweise die Igel-Nummer und die Nummer der Box, in der der Igel auf der Station zur Zeit sitzt. Bitte bringe diese Informationen mit, wenn Du vorbeikommst, um „Deinen“ Igel abzuholen. Das erspart den Tierpfleger*innen längeres Suchen.

Es besteht immer die Möglichkeit, sich bei Fragen oder Unsicherheiten telefonisch direkt an die Wildtierstation zu wenden. Insbesondere bei der Abholung bietet es sich außerdem an, alle offengebliebenen Fragen zu stellen, die die Tierpfleger*innen sehr gerne beantworten. Grundsätzlich wird der grobe Ablauf der Überwinterung dann nochmal besprochen und Du erhälst alle wichtigen Informationen zu Deinem Igel – beispielsweise das letzte Gewicht.

  • Zur Abholung kannst Du gerne eine eigene Tier-Transportbox mitbringen. Sollte der Igel auf der Wildtierstation allerdings schon in den Winterschlaf gefallen sein, wird er nicht durch Boxentausch gestört, sondern in seinem provisorischen Nest in einem Transport-Karton übergeben.
  • Am besten setzt Du den Igel dann abends um. Normalerweise sind die Igel bei der Abholung tagsüber sowieso inaktiv und haben kein Problem damit, die Stunden dazwischen einfach in ihrer Transportbox an einem ruhigen, kühlen Ort zu warten. Denn abends bzw. in der Dämmerung wird der Igel langsam wach und kann sich besser orientieren, falls er noch nicht im Winterschlaf ist oder durch den Transport geweckt wurde.
  • Mach eine kleine Mulde in das Stroh im Igelhäuschen und setze den Igel – so wie er auch in der Transportbox oder in seinem Nest saß – dort hinein. Der Igel sollte dabei insbesondere nicht auf den Rücken gedreht werden. Ansonsten droht bei sehr tiefen Schlaf nämlich Erstickungsgefahr! Dann kannst Du ihn mit etwas Stroh bedecken und das Häuschen zu machen.
  • Beim Umsetzen hilft zum Beispiel ein dickes Handtuch gegen die spitzen Stacheln. Aber auch Gartenhandschuhe oder (wie auf der Wildtierstation gerne genutzt) zwei alte Waschlappen eignen sich, um den Igel schmerzfrei in die Hand zu nehmen.

Igel sind Wildtiere und der Kontakt mit dem Menschen bedeutet in erster Linie Stress. Deshalb sollte das Umsetzen so ruhig und zügig wie möglich stattfinden. Es spricht selbstverständlich nichts dagegen, wenn die ganze Familie mitfiebert und jeder mal kurz gucken darf. Dennoch sollte der Igel nicht zu lange in der Hand gehalten, rumgereicht, wild hin- und herbewegt oder gar umgedreht werden. Das Tier hat Angst dabei.

Entspanntes Einschlafen
  • Durch den Transport ist der Igel sehr wahrscheinlich aufgewacht, falls er auf der Wildtierstation schon im Winterschlaf war. Dann wird er die ersten ein bis drei Nächte noch aktiv sein, bevor er wieder einschläft.
  • Igel, die zum Zeitpunkt des Umzugs noch aktiv sind, aber trotz der fortgeschrittenen Jahreszeit nicht ausgewildert werden dürfen, brauchen unter Umständen etwas länger.
  • Solange der Igel noch wach ist, fütterst Du ganz normal Nassfutter, wie oben beschrieben.
Während dem Winterschlaf

Hat der Igel seine Aktivität eingestellt, sollte er so wenig wie möglich gestört werden.

  • Deshalb eignet sich nun eine Schale Trockenfutter für kurze, unerwartete Wachphasen, so dass das Futter nur bei Bedarf aufgefüllt oder ausgetauscht werden muss. Auch das Wasser muss nicht zwingend jeden Abend gewechselt werden. Igel sind Wildtiere und kommen ohnehin selten in den Genuss von frischem Trinkwasser.
  • Natürlich sollte regelmäßig überprüft werden, ob das Tier vor allem in wärmeren Nächten eventuell aktiv war und Futter aufgefüllt werden muss. Gesundheitskontrollen oder gar Wiegen mitten im Winterschlaf ist allerdings nicht nötig, sondern sogar kontraproduktiv! Bei einem gesunden Tier liegt kein Grund zur Besorgnis vor, der diese nervenaufreibende, kräftezehrende Störung im Winterschlaf rechtfertigen würde.

Aktivität über Nacht erkennt man beispielsweise daran, dass der Igel am Futter war oder Stroh und Hinterlassenhaften im Gehege verteilt hat. Außerdem gibt es einen Trick, falls Du dir insbesondere während der Winterschlafperiode unsicher sein solltest: Klebe ein Stück Küchen- oder Toilettenpapier vor den Eingang, so dass es sich leicht löst, wenn der Igel hindurchläuft. Ist es am nächsten Morgen verschoben, war der Igel ganz sicher unterwegs.

Das Erwachen im Frühjahr

Zeichnen sich dauerhaft wärmere Tage ab, wird Dein Igel langsam den Weg zurück in seinen aktiven Zustand finden – aus immer häufigeren Nächten der Aktivität oder aber abrupt.

  • Sobald der Igel drei Nächte hintereinander wach war, macht es Sinn, ihn einmal zu wiegen – am leichtesten geht das in einer Schale oder in einem Eimer auf einer ganz normalen Küchenwaage. Igel dürfen über den Winterschlaf bis zu 30% ihres Körpergewichts verlieren. Ist Dein Igel also beispielsweise mit 500 Gramm eingeschlafen, besteht kein Grund zur Sorge, wenn er mit nur 350 Gramm aufwacht.
  • Dann solltest Du auch wieder zur regulären Fütterung mit Insektenfutter wechseln. Wie oben beschrieben, darf der Igel nun täglich 20-30% seines aktuellen Körpergewichts fressen, um zügig seine aufgebrauchten Reserven aufzufüllen.

Um einen besseren Überblick über Schlaf- und Wachphasen sowie die Gewichtsentwicklung zu haben, empfiehlt es sich, ein kleines Pflegeprotokoll zu führen. Notiere Dir beispielsweise, wann Du den Igel mit welchen Gewicht aus dem Tierheim abgeholt hast, nach wie vielen Nächten er eingeschlafen ist, ob es zwischendrin aktive Nächte gab, und wann er mit welchem Gewicht aus dem Winterschlaf erwacht ist. Das hilft auch dabei, kritische Entwicklungen zu erkennen und mit den Tierpfleger*innen der Wildtierstation zu besprechen.

Endlich geht es an die Auswilderung

Wenn der Winter gut überstanden und der Igel jede Nacht aktiv ist, steht bald die Auswilderung bevor. Das ist großartig, denn damit ist das oberste Ziel der Wildtierpflege nicht mehr weit entfernt!

  • Bevor der Igel jedoch wirklich freigelassen werden kann, sollte er sein ursprüngliches Gewicht erreichen, das er vor dem Winterschlaf hatte.
  • Wie die Auswilderung regulär abläuft, erfährst Du in einem eigenen Beitrag dazu: Einen Igel aus dem Tierheim auswildern – Alles, was Du dafür wissen musst
  • Hierbei ist wichtig zu beachten, dass die zehn bis vierzehn Tage im Gehege nicht unterschritten werden dürfen, falls der Igel sein Ursprungsgewicht schon früher erreicht hat. Umgekehrt sollte das Gehege auch wirklich erst dann geöffnet werden, wenn er wieder bei diesem Gewicht ist – auch wenn das erst nach mehr als vierzehn Tagen der Fall sein sollte.
  • Hierzu ist gelegentliches Wiegen – zum Beispiel alle zwei bis drei Tage – natürlich unumgänglich. Achte aber bitte darauf, dass auch diese Prozedur möglichst ruhig, zügig und somit stressfrei für das Tier verläuft.

Bei Anlass zur Sorge und bei Unsicherheiten steht Dir die Wildtierstation generell in jedem Stadium der Überwinterung und Auswilderung für Fragen zur Verfügung.

Eine gelungene Überwinterung von der Station

Wenn Du neugierig geworden bist, wie genau eine Überwinterung ablaufen könnte und was das für das Tier bedeutet, findest Du hier die Geschichte von Igel 706 – einem echten Beispiel von der Station: So erlebt der Igel seinen Winter: Einblick in den Winterschlaf

Ein wichtiger Hinweis zum Schluss

Ein Igel ist ein Wildtier und braucht seine Freiheit! Eingesperrt zu sein ist für alle Wildtiere mit massivem Stress verbunden und kann zu Krankheiten und Verhaltensproblemen führen.

Halte den Igel also bitte niemals länger als nötig in seinem Gehege gefangen!

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