Wildtiere erfolgreich auswildern: Soft Release vs. Hard Release

Das oberste Ziel der Wildtierpflege ist immer die Auswilderung. Egal ob das Tier krank, verletzt oder verwaist in menschliche Pflege geraten ist – es gilt immer: sobald es (wieder) in der Lage ist, allein in seinem natürlichen Lebensraum zurecht zukommen, muss es dorthin zurück.

Doch so einfach ist das gar nicht. Die Auswilderung muss gut durchdacht und auf das jeweilige Tier zugeschnitten sein, damit sie erfolgreich ist.

Man unterscheidet zwei grundlegende Ansätze: Den Soft Release und den Hard Release. Was ist das genau, und wann setzt man was ein?

Soft Release

Wird ein genesenes Wildtier schrittweise und kontrolliert in seinen natürlichen Lebensraum eingeführt, spricht man vom Soft Release.

Dabei lässt man das Tier häufig zunächst in einem Auswilderungsgehege ankommen, in dem es nach wie vor gefüttert wird und einen sicheren Rückzugsort hat. Der Kontakt zum Menschen sollte deutlich reduziert werden, um es optimal auf seine Eigenständigkeit in der Wildnis vorzubereiten.

Wenn eine bestimmte Zeit verstrichen ist, zum Beispiel zwei Wochen, wird das Gehege geöffnet, so dass das Tier selbstständig nach draußen kann. Üblicherweise bietet man dann noch für ein paar Tage wie gehabt Futter im Gehege an und gibt dem Tier immer die Möglichkeit zurückzukommen. Wahrscheinlich findet es jedoch schnell seinen eigenen Weg und die Fütterung kann eingestellt werden. Damit war die Auswilderung erfolgreich.

Was macht Soft Release zu einer geeigneten Methode?

Die Vorteile von Soft Release
  • Ein klarer Pluspunkt liegt auf der Hand: Das Tier kann sich in seinem eigenen Tempo auf die Umgebung einstellen und wird nicht überfordert. Es bekommt die Möglichkeit, zunächst etwas mehr Kraft und Widerstandsfähigkeit gegenüber den Lebensbedingungen aufzubauen.
  • Dazu zählt auch, dass sich das Tier langsam an die Umgebung gewöhnen kann: an die fremden Geräusche und Gerüche, aber auch an die Temperatur und Wetterereignisse. Je nach Lage und Eignung des Auswilderungsgeheges kann es vielleicht sogar schon ein eigenes kleines Revier aufbauen.
  • Wenn ein Tier lang in menschlicher Obhut war oder als verwaisestes Jungtier kam, kann es nun seine natürlichen Verhaltensweisen wieder aufnehmen oder überhaupt erst einmal entwickeln. Indem zum Beispiel die Jagd auf Beutetiere trainiert wird, verbessern sich seine Überlebenschancen langfristig.
  • Und zum Schluss bietet diese Vorgehensweise für den Menschen die Möglichkeit, das Tier relativ einfach zu beobachten und gegebenenfalls doch einzugreifen, wenn die Auswilderung nicht wie geplant verläuft.

Also alles bestens, oder?

Die Nachteile von Soft Release

Problematisch wird diese Form der Auswilderung, wenn der menschliche Einfluss nicht deutlich reduziert wird. Durch die Nähe zum Tier besteht immer die Gefahr der Überfürsorge, was für ein Wildtier ganz und gar nicht hilfreich ist.

Das gilt zwar grundsätzlich in der Arbeit mit Wildtieren, doch insbesondere bei der Auswilderung spielt dieser Punkt eine wichtige Rolle, damit der Prozess wirklich optimal und stressfrei für das Tier verläuft. Denn nur wenn es möglichst nah an seinen natürlichen Lebensbedingungen gehalten wird, kann es seine arteigenen Verhaltensweisen wieder aufnehmen und trainieren.

Ansonsten entfällt der Effekt des Soft Release und es verlängert sich einfach nur die Zeit in Gefangenschaft, bevor ein (abgeschwächter) Hard Release stattfindet.

Hard Release

Findet der Wechsel von menschlicher Obhut zu Wildnis abrupt statt, ist die Rede vom Hard Release.

Das genesene Tier wird sofort und ohne Umwege über ein Auswilderungsgehege freigelassen. Ist der Ort der Auswilderung auch der ursprüngliche Fundort – also die Umgebung, in der das Tier zuvor gelebt hat – spricht man genau genommen von einer Rückführung.

Warum hat auch diese Methode ihre Berechtigung?

Die Vorteile von Hard Release
  • Auch hier lässt sich sofort ein klarer Pluspunkt benennen: Das Tier kehrt schneller in seinen natürlichen Lebensraum zurück. Das Ziel der Auswilderung ist unmittelbar erreicht.
  • Die Zeit, die das Tier in Gefangenschaft verbringt, wird minimiert. Damit sinkt auch die Gefahr, dass es sich an den Menschen gewöhnt, was in bestimmten Fällen vor allem bei Jungtieren problematisch ist.
  • Außerdem ist es sofort auf seine Instinkte angewiesen und kann ohne Einschränkung seinem arteigenen Verhalten nachgehen. Dies ist also vermutlich die „natürlichere“ Rückkehr in die Wildnis.

Warum dann nicht immer so?

Die Nachteile von Hard Release
  • Während der Stress durch die Nähe zum Menschen mit der Freilassung zwar sofort wegfällt, entsteht jedoch eine neue Gefahr: Die plötzliche Veränderung kann ebenso hohen Stress und Orientierungslosigkeit auslösen – zumindest vorübergehend.
  • Im schlimmsten Fall flüchtet das Tier panisch, was sehr viel Energie kostet und lebensbedrohlich werden kann. Dem kommt eine besondere Bedeutung zu, wenn die Umgebung nicht optimal ist und das Tier beispielsweise eine viel befahrene Straße nicht richtig einschätzt durch seine Panikreaktion.
  • Außerdem kann der Mensch nach der Freilassung meist nicht mehr eingreifen und Monitoring gestaltet sich deutlich schwieriger als in einem Auswilderungsgehege mit Übergangsphase.

Nun fragt sich also: Welche Methode ist wann geeignet?

Einsatzszenarien von Soft und Hard Release

Da Soft Release dem Tier die Möglichkeit gibt, seine überlebenswichtigen Verhaltensweisen erst einmal zu trainieren, eigenet sind diese Methode besonders für Jungtiere ohne Erfahrung. Von Hand aufgezogene „Flaschenkinder“ brauchen unbedingt eine gewisse Zeit, um sich an das Habitat zu gewöhnen, Überlebensstrategien zu entwickeln und beispielsweise das Aufspüren der Beute zu üben.

Auch Tiere, die sehr lang in menschlicher Behandlung waren, profitieren stark von einem kurzen Trainigs- und Gewöhnungszeitraum.

Zuletzt ist Soft Release zu anzuraten, wenn ein Tier nicht in seine ursprüngliche Umgebung zurückkehren kann. Zwar haben Wildtiere üblicherweise ein gutes Ortsgedächtnis und finden sich in ihrem eigenen Revier schnell wieder zurecht, doch das bringt ihnen nichts, wenn sie in einen anderen Bereich umgesiedelt werden, weil der Fundort wegen Verkehr oder sonstigen Gefahrenquellen ungeeignet ist.

Umgekehrt gilt für Hard Release, dass diese Methode besonders wirksam sein kann, wenn ein erfahrenes, adultes Tier nach eher kurzer Behandlungszeit in sein eigenes Revier zurückgeführt werden kann. Dort kennt es sich aus und kann sein arteigenes Verhalten ohne Störung durch den Menschen sofort wieder aufnehmen.

Die Auswilderung eines Wildtiers kann also ganz unterschiedlich ablaufen. Wichtig ist, die gewählte Methode auf den Einzelfall anzupassen, um das Tier bei der Rückkehr in die Wildnis zu unterstützen.

Wie das in der Praxis aussehen könnte? Zum Beispiel so…

Die Auswilderung auf der Wildtierstation

Die Wildtierstation im Tierheim München nimmt jedes Jahr mehrere Tausend hilfsbedürftige Wildtiere auf. Entsprechend viele Auswilderungen müssen durchgeführt werden.

Da der Großteil dieser Pfleglinge verwaiste Jungtiere sind, wird hauptsächlich die Methode Soft Release eingesetzt:

  • Junge Sing- und Rabenvögel, die ihre Selbstständigkeit erreicht haben, werden inzwischen in den tierheimeigenen Auswilderungsvolieren auf die Wildnis vorbereitet. Sie bleiben bis zur Freilassung in Gruppen mit artgleichen Genossen, um die Gewöhnung an den Menschen zu verhindern. Dort dürfen sie sich zwei Wochen lang an die Umgebung und Umweltreize anpassen, bevor die Volieren anschließend für bis zu sieben Tage geöffnet werden.
  • Bei Jungigeln hingegen ist die Wildtierstation auf Hilfe angewiesen. Denn Igel sind Einzelgänger mit einem eigenen Revier und müssen einzeln ausgewildert werden. Helfen kann jeder, der einen naturnahen Garten hat und dazu bereit ist, ein kleines Auswilderungsgehege und ein Igelhäuschen aufzustellen. Wie das Ganze genau abläuft, ist auf der Seite des Tierschutzvereins beschrieben.
  • Auch großgezogene Fuchs- und Marderwelpen werden mit Soft Release ausgewildert. Dies geschieht jedoch über externe Pflegestellen, die sich darauf spezialisiert haben.

Eher in Einzelfällen kommt auch der Hard Release zum Einsatz:

  • Eine adulte Amsel, die von ihren Findern abgegeben wurde, weil sie gegen eine Fensterscheibe geflogen ist und sich nicht innerhalb von kurzer Zeit selbstständig erholt hat, kann möglicherweise nach einer Ruhephase von 24 Stunden wieder topfit sein. Hat sie sich von ihrem sogenannten Anflugtrauma vollständig erholt und sind ihre Finder bereit, sie an den Fundort zurückzubringen, ist das ohne Zweifel die beste Option.
  • Ähnlich verhält es sich bei einem erfahrenen Altigel, der nur rund zehn Tage für eine Parasitenbehandlung auf der Station verbracht hat – vorausgesetzt, die Finder können ihn an den Fundort zurücksetzen und die Jahreszeit ist noch nicht allzu fortgeschritten.
  • Bei adulten Mardern ist Hard Release sogar die einzige Möglichkeit. Denn diese Tiere sind so gestresst in Gefangenschaft, dass sie eine nicht zu unterschätzende Gefahr für sich selbst und die Tierpfleger darstellen. Die Rückführung wird hierbei auch nur von Mitarbeitern des Tierheims durchgeführt, weshalb der Fundort des Tieres bei der Aufnahme besonders sorgfältig erfasst wird.

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