Wenn der Garten zum Winterquartier wird
Wie geht es weiter, wenn ein Igel die Wildtierstation im Winter verlässt? Wie nimmt er die Überwinterung wahr? Was gilt es zu beachten, damit die Auswilderung stressfrei verläuft?
All das ist Thema in dieser Beitragsserie mit einem echten Beispiel von der Station. Los geht’s!
Geweckt im Winterschlaf
Es ruckelt und knistert und knirscht. Die übliche Geräuschkulisse aus stampfenden Schritten von großen Tieren und ihren piepsigen Lauten wird unterbrochen. Etwas bringt den Boden zum Beben und plötzlich dringt eine fremde Pfote in meine Höhle, die mit trockenem Stroh gefüllt ist.
Ich fahre aus meinem leichten Schlaf hoch und rolle mich noch fester zu einer Stachelkugel zusammen. Die Pfote schiebt das Stroh einfach zur Seite und greift nach mir. In diesem Moment stoße ich das bedrohlichste Fauchen aus, das ich zustande bringe. Doch es kümmert das fremde Tier nicht. Seine Pfoten heben mich aus meiner Höhle. Ich spüre, wie ich förmlich durch die Luft fliege und dann zurückgesetzt werde.
Da sitze ich also nun, zurück in meinem sicheren Versteck. Noch etwas verschlafen versuche ich diesen Spuk einzuordnen. Endlich hatte ich in einen ruhigen Winterschlaf gefunden, da werde ich auch schon wieder gestört. Und es hört nicht auf. Zwar bin ich zurück in meinem sicheren Versteck, doch der Boden bewegt sich unaufhörlich. Es schaukelt von einer Seite zur anderen. Dazwischen ertönen gedämpft die Laute dieser fremden Tiere. Erst höre ich nur zwei verschiedene Stimmen, dann werden es mehr. Sie geben immer abwechselnd Laute von sich. Dabei klingen sie mal ruhig, mal aufgeregt und manchmal kann ich ihre Lautäußerungen gar nicht einordnen. Dazu sind sie mir zu fremd.
Irgendwann setzt außerdem ein leises Brummen im Hintergrund ein und das Geschaukel wird etwas gleichmäßiger. Zwischendurch hat sich die Temperatur spürbar verändert. Es ist deutlich wärmer geworden – und das so plötzlich, dass ich mich wirklich frage, was hier eigentlich passiert. Aber ich finde keine Antwort darauf, denn ich kann meine Höhle auf einmal nicht mehr verlassen. Dort, wo ich meinen Ausgang gebaut habe, ist einfach eine Wand. Oder suche ich an der falschen Stelle? Irritiert schiebe ich mich zwischen den pieksigen Strohhalmen kreuz und quer durch mein Versteck, doch ich ende immer wieder an einer Wand.
Bevor ich deshalb wirklich unruhig werden kann, stoppt das Brummen plötzlich, die Temperatur sinkt genauso schnell, wie sie gestiegen ist, und der Boden bewegt sich wieder stärker. Es ist schon verrückt. Kurz höre ich die Stimmen eines der fremden Tiere mit den großen Pfoten ganz nah – dann ist es auf einmal ganz ruhig und ganz still. Die Welt dreht sich nicht mehr. Der Boden hat aufgehört, sich zu bewegen. Die Tiere scheinen sich entfernt zu haben, denn ich höre keinen Mucks mehr von ihnen. Auch die Temperatur pendelt sich gerade so auf einem erträglichen Niveau ein. Endlich ist es nicht mehr so sommerlich heiß und ich kann etwas zur Ruhe kommen.
Ein paar Versuche, aus meiner Höhle hinauszufinden, unternehme ich noch – vergeblich. Doch die Kälte und die vielen Eindrücke der letzten Stunde machen mich auf einmal sehr müde und ich komme langsam zur Ruhe. Ein paar Strohhalme zupfe ich noch zurecht in meinem Nest und falle dann in einen leichten Dämmerschlaf.
Ein neues Versteck
Ich weiß nicht, wie viel Zeit vergangen ist. Doch so viel kann es nicht gewesen sein, als ich wieder aufwache. Schritte und Stimmen ertönen. Ein fremdes Tier nähert sich. Dann knirscht es plötzlich gefährlich über meinem Kopf und ein Spalt entsteht in der Decke. Das ist gruselig. Aus dem Augenwinkel erahne ich noch die großen Pfoten, die über mir schweben und mich im nächsten Moment vorsichtig aus meiner Höhle heben.
Für einen Augenblick halten sie mich ruhig in der Luft. Das fremde Tier, dem die Pfoten gehören, scheint mich zu betrachten. Doch mehr bekomme ich davon nicht mit, weil ich mich fest eingekugelt habe. Dann geht es abwärts und ehe ich mich versehe, bin ich in einer neuen Höhle gelandet. Das erste, was ich wahrnehme, nachdem sich die Decke über mir geschlossen hat, ist der trockene, staubige Geruch des frischen Strohs. Vorsichtig luge ich unter meinem Stachelkleid hervor. Die Gefahr schein vorüber, denn ich sehe, höre und rieche die fremden Tiere nicht mehr.
Nun bin ich hellwach und beginne, meine Umgebung zu erkunden. Ich sitze also mal wieder in einer Höhle, gefüllt mit Stroh. Nur ist diese etwas größer, als das, was ich in den letzten Monaten gewohnt war. Unter meinen Pfoten spüre ich raues Holz. Auch die Wände dieser Höhle sind aus Holz und wirken stabiler. Während ich eine Ecke nach der anderen inspiziere, entdecke ich den Ausgang. Er führt mich zunächst in eine ganz ähnliche Höhle, die nur etwas kleiner und nicht mit Stroh gepolstert ist.
Dort schlägt mir auf einmal der Geruch von Futter entgegen. Ich finde eine Schale gefüllt mit dem krümeligen Insektenbrei, den ich auch die letzten Wochen immer wieder ganz in der Nähe von meinem Versteck gefunden habe. Ich kann mir nicht erklären, wie die kleinen Krabbeltiere in diese Schale kommen oder warum sie nicht so knusprig sind wie sonst. Doch es schmeckt erstaunlich gut und weil ich tatsächlich leichten Hunger verspüre, mache ich mich gleich darüber her. Als ich die Mahlzeit verschlungen habe, bewege ich mich weiter zu der kleinen Pfütze, die sich wie immer direkt neben dem Futter befindet. Nach einem Schluck Wasser fühle ich mich nun wirklich gestärkt und wage einen Blick aus der Höhle hinaus.
Es ist inzwischen ganz dunkel draußen und die Kälte noch intensiver. Ich kann den Winter förmlich riechen. Zum ersten Mal seit langem nehme ich außerdem den Duft von feuchter Erde und nassem Laub wahr. Fantastisch. Langsam setze ich eine Pfote nach der anderen aus der Höhle heraus auf den Naturboden. Die gefrorenen Grashalme knistern unter dem Gewicht. Das Eis schmilzt an meinen warmen Pfoten und hinterlässt einen nassen Film. Irgendwo in der Ferne bellt ein Hund. Und nicht weit entfernt raschelt es einmal kurz im Laub.
All diese Sinneseindrücke fluten meine Wahrnehmung und ich merke, was ich die letzten Monate so vermisst habe. Doch bevor ich in schiere Freude ausbreche, stoße ich an ein Gitter. Schmale Metallstäbe ziehen sich vor meiner Nase in die Höhe – in eine Höhe, die ich nicht überwinden kann. Auch von unten bewegt sich nichts an diesem Zaun. Ich folge ihm, bis ich wieder an meiner neuen Höhle stehe. Dann gehe ich hinein, aber dort ist natürlich kein zweiter Ausgang. Den hätte ich ja auch vorher schon finden müssen. Wieder draußen drehe ich noch eine Runde durch mein neues Revier, aber durch das Gitter komme ich nicht weit.
Zwischen Winter und Winterschlaf
Nun ja, der Zaun ist wohl ein Problem für die nächste Nacht. Denn so langsam wird mir wirklich kalt und eine leichte Müdigkeit überkommt mich. Für heute habe ich sehr viel gesehen und gehört, denke ich, während ich mich in meine Höhe zurückschleiche. Dort angekommen suche ich mir eine neue Lieblingsecke aus und mache mich kugelrund. Kurze Zeit später bin ich erschöpft eingeschlafen.
Irgendwann – im Laufe des nächsten Tages – wird es etwas wärmer und mein Schlaf leichter. Bis in die Abendstunden döse ich vor mich hin. Dann erschüttert der Boden unter mir und ich schrecke auf. Die Decke hat sich aufgetan. Ich wittere eines der fremden Tiere mit den großen Pfoten und bin sofort viel wacher. Was kommt jetzt schon wieder? Letztlich passiert nicht viel. Es bewegt seine Pranken nur im vorderen Teil der Höhle, wo kein Stroh ist, und zieht sich dann zurück.
Als ich mich wieder sicher fühle und meine Nase in Richtung Ausgang recke, erschnuppere ich den Geruch des Insektenbreis. Kurz zögere ich, ob ich überhaupt hungrig bin. Doch der Winter ist noch lang und so beschließe ich, ein paar Happen zu nehmen. Eine anschließende Runde durch mein neues Revier zeigt, dass das Gitter immer noch steht und sich eigentlich nichts verändert hat. Heute spüre ich die Kälte deutlicher. Sie macht mich müde und so kehre ich schnell in mein Versteck zurück. Zwischen den Halmen ist es gemütlicher. Kaum habe ich mich eingekugelt, bin ich schon fast eingeschlafen.
Vom nächsten Tag kriege ich eigentlich gar nichts mit, so tief ist mein Schlaf bereits. Als das fremde Tier am Abend wieder frisches Futter hereinstellt, nehme ich das zwar zur Kenntnis, doch die Ruhe ist so verlockend, dass ich mich diesmal nicht rühre. Es ist schließlich Winter und vor dem seltsamen Umzug war ich schon für einige Tage im Winterschlaf versunken. Das holt mich nun wieder ein und so schlafe ich einfach weiter.
Die Tage und Nächte verschwimmen und spielen keine Rolle mehr. Es ist ruhig in der Umgebung. Der Winter hat die Aufregung eingefroren und verschluckt. Solange die Temperaturen so niedrig sind, passt sich mein Körper an und reduziert alle Prozesse auf ein Minimum. Erst mit dem Frühjahr werde ich wieder abenteuerlustiger werden.
* * * * *
Der Igel auf der Wildtierstation
Die Rede ist von Igel Nr. 706. Auf der Wildtierstation im Tierheim München wird ab dem ersten abgegebenen Babyigel des Jahres mit der Zählung wieder bei Eins angefangen, was meistens in den August fällt. Es ist ein Männchen und ein Jungigel. Das heißt, dass er im selben Jahr geboren wurde und nun seinem ersten Winter entgegenblickt.
Er hat genau zwei Monate auf der Wildtierstation verbracht – von Ende Oktober bis Ende Dezember. Die meisten Jungigel werden abgegeben, weil sie zu klein und zu dünn sind. Häufig haben sie einen übermäßigen Parasitenbefall und würden den Winter ohne Behandlung aller Voraussicht nach nicht allein überleben. Wenn die Entwurmung anschlägt und ihnen ausreichend Futter zur Verfügung steht, bessert sich der Gesundheitszustand meist schnell und sie nehmen gut zu – so auch bei diesem Tier.
Nachdem der Igel für einige Tage stabil blieb und die Medikamente verstoffwechselt waren, wurde er zur Auswilderung bzw. zunächst zur Überwinterung freigegeben. In manchen Fällen bieten sich die Finder, die das Tier ursprünglich abgegeben haben, selbst für die Auswilderung „ihres“ Igels an und so kann er relativ schnell an sein Auswilderungsort umziehen. Häufig besteht diese Möglichkeit allerdings nicht und das Tier wird mit etwas Extra-Aufwand einer anderen Stelle zugeteilt.
Das neue Zuhause
Die neuen Igelpaten stellen ein mindestens zwei Quadratmeter großes Gehege in einem möglichst naturnahen Garten bereit. Wichtig ist, dass das Gehege hoch genug ist, wenig Querstreben aufweist und fest im Boden verankert wurde, da Igel meisterhaft im Ausbrechen sind. In das Gehege wird in einer etwas geschützten Ecke ein Igelhäuschen gestellt. Dieses sollte einen Boden haben, damit das Stroh keine Feuchtigkeit zieht und zu schimmeln beginnt.
Fertig eingerichtet ist das Gehege bereit für den Einzug des Igels. In diesem Fall war es bereits mitten im Winter, so dass er bereits im Tierheim in einen leichten Winterschlaf gefallen war. Der Winterschlaf ist wichtig für die Tiere, so dass jeder Igel nach abgeschlossener Behandlung von der Intensivbetreuung in einen anderen Bereich wechselt, wo er die Möglichkeit zum Schlafen findet. Hat er seine Aktivität über drei Tage merklich reduziert, wird ihm ein richtiges Nest aus Stroh zum Überwintern angeboten. Dieses wird in einem großen Karton eingerichtet, der eigentlich für den einmaligen Tiertransport gedacht ist. So kann das Tier bei Abholung durch die Igelpaten sofort mitgegeben werden, ohne unnötig Stress durch Umsetzen zu provozieren.
Grundsätzlich bedeutet jeder Berührungspunkt mit dem Menschen Stress für das Tier. Deshalb sollten Eingriffe – egal ob gucken, „streicheln“, herausheben oder Sonstiges – auf ein Minimum reduziert werden und immer begründet sein.
Umzug ins Winterquartier
Nach einem letzten Check geht es für Igel 706 endlich auf die Reise. In seinem Karton wird er von den neuen Igelpaten in Empfang genommen. Bei der Abholung wird mit dem Tierpfleger nochmal besprochen, wie die Überwinterung bzw. die Auswilderung genau abläuft, und es können offene Fragen geklärt werden. Mit dem Auto geht es für den Igel in die neue Heimat. Natürlich bekommt das Tier auf seine Weise alles mit – von den Gesprächen bis hin zur aufgedrehten Heizung im Auto.

Das Umsetzen vom Karton der Wildtierstation in das eigene Igelhaus im Garten sollte nach Möglichkeit erst abends erfolgen, also zur natürlichen Aktivitätszeit des Igels. Die Zwischenzeit verbringt er einfach in seinem Karton an einem kühlen Ort – zum Beispiel auf der Terrasse oder im unbeheizten Gartenhaus -, wo er nach der Aufregung durch den Transport etwas zur Ruhe kommen kann.
Ist die Zeit gekommen und der Igel darf in sein Häuschen umziehen, fiebern gerne alle Igelpaten mit. Dagegen ist nichts einzuwenden, solange es für das Tier möglichst stressfrei bleibt. Mit ruhigen Bewegungen wird der Igel aus seinem Karton gehoben und mit Bauch und Nase nach unten in das Stroh im neuen Häuschen gesetzt. Er sollte für den Winterschlaf niemals auf den Rücken gedreht werden, da in dieser Position die Atmung beeinträchigt wird. Das ist besonders wichtig, wenn der Igel schon fest schläft.
Fütterungszeit!
Für die erste Nacht sollte auf jeden Fall noch eine Schale Futter angeboten werden, da der Igel mit hoher Wahrscheinlichkeit geweckt wurde und etwas Zeit braucht, um wieder in den Winterschlaf zu fallen. Seit der letzten Igelsaison setzt die Wildtierstation bei der Igelfütterung auf reines Insektenfutter statt wie früher empfohlen auf Katzenfutter. Dieses sollte nur noch eine Ausnahme darstellen, da Igel naturgegeben Insektenfresser sind und nur unter seltenen Umständen an Aas bzw. das Fleisch anderer Wirbeltiere gehen. Auch Obst und Nüsse fressen Igel nicht.
Um die Futterschale vor ungebetenen Gästen zu schützen, eignet sich ein zweites Häuschen Futterhäuschen im Gehege – oder alternativ der Vorraum des Schlafhäuschens, sofern es einen sogenannten Labyritheingang aufweist. Eine Schale Wasser muss jederzeit für den Igel erreichbar sein.
… und Schlafenszeit
In der ersten Nacht im neuen Gehege war der Igel aktiv, wie sich unschwer am nächsten Tag erkennen lässt. Er hat sich am Futter zu schaffen gemacht, ein paar Strohhalme im Gehege verteilt und leichte Spuren vom Graben am Zaun hinterlassen. Tagsüber ist keine Spur von ihm zu sehen. Er hat sich in das Igelhäuschen zurückgezogen und wartet auf die Dämmerung. Dabei wird das Tier auch nicht gestört. Das Futter sollte am besten abends frisch bereitgestellt werden. Auch das Wasser wird einmal ausgetauscht.
Am darauffolgenden Tag kann erneut festgestellt werden, dass der Igel aktiv war. Also werden Futter und Wasser wieder frisch gemacht. Erst in seiner dritten Nacht scheint der Igel in den Winterschlaf zurückgefunden zu haben, da die Futterschale unberührt ist. Ab nun muss nicht mehr täglich frisches Nassfutter angeboten werden. Stattdessen wird auf ein hochwertiges Katzen-Trockenfutter umgestellt, das nicht so schnell verdirbt.
Die folgenden Nächte zeigen, dass der Igel weiterhin inaktiv bleibt und seinen Winterschlaf fortsetzt. Das ist gut und richtig. Er folgt seinem natürlichen Jahresrhythmus.
Dazu bald mehr im zweiten Teil…
Hinterlasse einen Kommentar