Winterpause am Wasser – Ein Teichhuhn nutzt die milden Tage

Wenn ein milder Wintertag die kalte Jahreszeit kurz unterbricht, verändert sich auch das Leben am Gewässer. Für ein Teichhuhn bedeutet das: eine seltene Gelegenheit, an geschützter Uferkante Nahrung zu finden – und die letzten Strahlen der tief stehenden Sonne zu nutzen.


Ich ziehe meine langen Zehen ein wenig zusammen, während ich über die feuchten Blätter am Uferrand schreite. Das Laub vom Herbst liegt noch immer hier – halb versunken, halb trocken, von dünnen Eiskristallen überzogen, die gerade anfangen zu schmelzen. Zwischen ihnen finden sich Samen und kleine Pflanzenteile, vielleicht auch ein winziges Insekt, das sich in die Wärme des Tages verirrt hat.

Ich schiebe mit meinem Schnabel einige Blätter zur Seite. Ein kurzer Blick nach oben zeigt: Der Himmel ist klar, fast zu hell für einen Wintertag. Normalerweise würde ich jetzt, in der kalten Zeit, näher am Schilf bleiben, das Schutz bietet. Doch heute ist ein Tag, an dem sich die Kälte zurückzieht.

Ein paar Schritte weiter. Meine Füße bleiben kurz zwischen Blättern und Schlick hängen, bevor ich wieder festen Stand finde. Als Teichhuhn bin ich an solche Balanceakte gewöhnt – lange Zehen helfen mir, selbst auf schwimmender Vegetation zu laufen, ohne tief einzusinken.

Nach einer Weile gleite ich ins Wasser. Der Fluss trägt mich langsam, keine Strömung, die mich drängt. Mit ein paar Schwimmzügen lasse ich die Uferzone hinter mir. Ich will hinaus in den breiteren Abschnitt. Das Wasser ist kalt, aber heute nicht bitter. Die Sonne steht tief, färbt die Oberfläche in rötliche und goldene Streifen.

Ich halte meinen schwarzen Körper ganz flach, nur Kopf und ein Stück Rücken ragen aus dem Wasser. Meine Stirnplatte – ein glattes rotes Schild über dem Schnabel – spiegelt sich für einen Moment im ruhigen Fluss. Um mich herum hebt und senkt sich die Oberfläche gleichmäßig: kleine Wellen, kein Wind.

Wintertage wie dieser sind selten. Sobald es wieder friert, werde ich mich näher an Pflanzenbestand und Uferzonen halten, dort, wo ich Deckung finde und Nahrung leichter erreichbar bleibt. Aber heute kann ich mich treiben lassen. Der Tag ist lang genug, um mich zu stärken – und still genug, um mich sicher zu fühlen.

Ich drehe mich leicht zur Sonne. Die Schatten werden länger, die Wasseroberfläche dunkler, nur der Horizont bleibt noch einen Moment hell. Ein kurzer Ruf irgendwo hinter mir verrät ein weiteres Teichhuhn, das sich ebenfalls hinausgewagt hat.

Ich gleite weiter, ruhig und gleichmäßig. Der Winter wird bald zurückkehren. Doch dieser Abend gehört der Wärme im Wasser und dem Licht auf meinen Federn.


Für einen kurzen Augenblick darf das Teichhuhn vergessen, dass die kalte Jahreszeit noch lange nicht vorbei ist – und einfach nur im Sonnenuntergang dahingleiten.

Posted in

Hinterlasse einen Kommentar