Die Stadt hat über Nacht ihr Aussehen verändert. Wo gestern Asphalt, Beton und Ziegeldächer lagen, liegt heute eine helle, feine Schicht. Für eine junge Stadttaube ist es der erste Schnee – und die Stadt wirkt plötzlich neu und unbekannt.
Ich starte von der Fensterbank aus, schlage kräftig mit den Flügeln und steige über die Dächer. Die Luft fühlt sich anders an: kälter und schwerer, als müsste man etwas mehr arbeiten, um Höhe zu gewinnen. Kleine weiße Flocken fliegen mir entgegen. Sie bleiben im Gefieder hängen und schmelzen langsam.
Ich ziehe einen Kreis und lande auf einem Straßenschild. Das Metall ist kühler als sonst. Von hier aus beobachte ich die Kreuzung unter mir. Busse und Autos bewegen sich langsamer, als hätten sie sich dem gedämpften Klang des Tages angepasst. Auch die Schritte der Zweibeiner wirken leiser – das weiße Etwas schluckt Geräusche.
Weiter geht es. Ich stoße mich ab und fliege hinüber zur Fußgängerbrücke. Auf dem Geländer sitzen schon andere Tauben. Ich lande neben ihnen – und ehe ich mich versehe, verliere ich fast das Gleichgewicht und falle herunter. Meine Füße sind einfach abgerutscht. Erst jetzt bemerke ich den dünnen Film aus Eis, der das Geländer bedeckt. Doch ein kurzer Schlag mit den Flügeln und ich habe mich wieder gefangen. Gefährlich ist es eigentlich nicht, aber ein ungewohntes Gefühl. Die älteren Tauben reagieren kaum – sie kennen solche Wintertage bereits.
Ich schaue über die Stadt. Dächer sind weiß gepudert. Zäune und Ampelmasten wirken wie mit Kreide nachgezogen. Selbst der Fluss unter der Brücke glänzt matter als sonst.
Nach einem Moment fliege ich weiter, diesmal zu einer Dachkante nahe des Bahnhofs. Hier sitze ich windgeschützter, und ich kann die vorbeiziehenden Schwärme sehen: Krähen und andere Tauben, die in unterschiedlichen Höhen über die Stadt ziehen. Einige drehen weite Kreise, andere setzen direkt auf Schildern, Masten oder Mauern auf – es gibt in der Stadt unzählige Ansitzpunkte.
Ich selbst probiere heute vieles zum ersten Mal bewusst aus. Ich lande vorsichtiger auf meinen liebsten Sitzplätzen und beobachte die federlosen Zweibeiner, die ebenfalls wackelig durch die Gassen laufen. Der Schnee verändert die Wahrnehmung: Licht reflektiert stärker, Kontraste wirken anders und die eigenen Bewegungen fühlen sich angepasster an.
Von der Dachkante aus startet ein kleiner Trupp Stadttauben. Ich schließe mich an und ziehe ein Stück mit. Nicht weit, nur ein paar Häuser weiter. Dort setze ich mich erneut auf ein Geländer. Diesmal halte ich mich gleich fester – die Erfahrung vom Brückengeländer im Kopf.
Für einen Moment bleibt die Stadt ganz still unter mir. Leichter Schneefall, ein bisschen Wind und gedämpfter Verkehr. Alles wirkt langsamer.
Die junge Taube bleibt noch ein wenig sitzen, schaut, lernt und gewöhnt sich an ihren ersten Wintertag – ein neuer Blick auf die Stadt, die sie bisher so nicht kannte.

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