Die Tage werden kürzer und der Boden härter, aber sie bleibt hier. Während viele Vögel längst Richtung Süden gezogen sind, beginnt für die Amsel eine andere Art Reise: die Suche nach allem, was der Herbst ihr noch lässt.
Ich hüpfe über den feuchten Boden am Rand des Gartens. Das Laub liegt dicht, Schicht über Schicht, und unter ihm die letzten Insekten des Jahres. Der Morgen ist kühl und das Licht noch schummrig. Jeder Schritt verwirbelt Blätter und mit ihnen steigt der Geruch des Herbstes auf. Für einen Moment beobachte ich eine andere Amsel, wie sie von Strauch zu Strauch fliegt.
Unsere Nahrung verändert sich jetzt. Im Sommer suchen wir Würmer und Käfer direkt aus der lockeren Erde. Doch nun ist der Boden fester und oft zu kalt für die Insekten. Stattdessen konzentrieren wir uns auf das, was oben liegt: Beeren von Eberesche und Holunder und weiche Früchte wie Fallobst unter alten Apfelbäumen.
Ich halte inne und neige den Kopf. Dort war ein Rascheln unter den Blättern, kaum wahrnehmbar. Schnell stoße ich ein Blatt zur Seite – und finde einen kleinen Käfer. Langsamer als im Sommer versucht er zu fliehen, aber ich komme ihm zuvor und sichere mir die Energie, die ich brauche für einen weiteren Tag Richtung Winter.
Ich weiß, wo im Garten die letzten Früchte hängen. Sträucher, die noch unberührt sind und deren Beeren nach dem ersten Frost weicher werden. Jetzt, da die Insekten knapp werden, sind solche Früchte wichtig. Ihre Energie hilft mir durch Nächte, die immer kälter werden.
Ein Windstoß bewegt die Zweige. Ich fliege hinauf, setze mich auf eine tief hängende Brombeerranke. Zwei dunkle Beeren hängen noch dort, schrumpelig, aber nahrhaft. Ich picke sie ab, eine nach der anderen. Der Saft ist herb und wie jedes Jahr eine Umstellung.
Andere Amseln bleiben ebenfalls hier. Wir sind Standvögel: Die meisten von uns fliegen im Winter nicht weg. Manche unserer Verwandten aus Skandinavien ziehen sogar zu uns, weil es dort noch kälter ist. Deshalb begegnen mir im Herbst oft fremde Amseln. Wir teilen uns die Beerensträucher, manchmal friedlich, manchmal unter Streit.
Unten im Laub bewegt sich etwas. Ein Regenwurm kommt an die Oberfläche. Der Boden ist noch nicht gefroren. Ich wittere meine Chance und stürze Richtung Boden. Er windet sich, aber ich ziehe ihn heraus. Solche Funde werden seltener werden, je tiefer die Kälte dringt.
Bald wird der Frost bleiben. Dann suche ich nur noch an Sträuchern, in Hecken, auf Komposthaufen und unter immergrünen Pflanzen nach Fressbarem: Beeren, Fallobst und vielleicht mal eine Spinne. Sobald der Schnee kommt, nutze ich jede Stelle, an der der Boden noch frei ist.
Der Tag wird heller. Ich fliege hinüber zum Apfelbaum im nächsten Garten, der seine letzten Früchte unter sich liegen hat. Der Winter kommt, aber ich bleibe.
Zwischen Laub, Sträuchern und gefrorener Erde findet die Amsel, was sie braucht – und zeigt, wie ein Vogel den Winter übersteht, ohne das Land zu verlassen.

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