Böse Überraschung – Eine junge Rauchschwalbe auf der Wildtierstation

Der Regen hat endlich aufgehört, aber die Kälte bleibt. Draußen ist es still, nur das Tropfen vom Dach erinnert an die Nacht, in der der Himmel über uns zusammenbrach.


Ich sitze zwischen anderen, dicht an dicht, unter dem gleichmäßigen Strom warmer Luft. Der Kasten ist hell von innen und die Wärme beständig. Ich spüre, wie mein Gefieder langsam trocknet. Es ist nicht der Wind, der mich trägt, sondern der Griff eines federlosen Tieres.

Vor Tagen war alles anders. Der Himmel hatte sich verdunkelt, Wind und Regen trieben uns auseinander. Ich flog, so weit es ging, aber irgendwann waren meine Kräfte erschöpft. Das Licht einer Scheune lockte uns. Wir hockten dort, hunderte Schwalben, still und durchnässt. Einige bewegten sich nicht mehr, als der Morgen kam.

Jetzt heben sich die Krallen, die mich halten. Sie stützen meinen Körper, während sich mein Brustkorb schnell hebt und senkt. Dann sehe ich etwas Neues: kein Tropfen süßer Flüssigkeit mehr, sondern etwas Festes – ein Heimchen.

Es ist kein Futterflug und kein Fang in der Luft – nur ein vorsichtiges Drücken gegen meinen Schnabel. Die Krallen öffnen ihn geschickt und ehe ich mich versehe, gleitet das Heimchen über meine Zunge. Der Geschmack ist fremd und vertraut zugleich: tierisch und nahrhaft.

Das federlose Tier wartet. Es beobachtet, ob ich schlucke. Ich tue es, langsam. Endlich habe ich meine Kraft dafür zurück.

Ich höre Geräusche ringsum – andere Kästen, andere Schwalben. Ab und zu ein kaum hörbares Zwitschern. Wir sind viele, die geblieben sind. Noch zu schwach für den Himmel und zu jung für den Rückflug.

Die Krallen setzen mich zurück. Ich falte die Flügel eng an den Körper. Draußen, hinter der Fensterscheibe, glitzert das Wasser auf dem Dach. Bald wird der Himmel wieder klar sein.


Noch fliegt sie nicht – aber in ihrem Magen liegt das erste Heimchen, und mit ihm ein Stück vom Weg zurück in den Süden.

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