Rascheln im Laub – Ein Igel erlebt den ersten Frost

Die Nächte sind kühl geworden. Der Garten riecht nach feuchtem Boden und verblühten Sträuchern. Für die meisten ist das nur Herbst. Für mich ist es Vorbereitung.


Ich bin ein erfahrener Igel. Mein Gewicht reicht, mein Bauch ist rund von vielen Insekten. Seit Tagen trage ich trockenes Laub und Grashalme in eine geschützte Ecke unter der Hecke. Hier habe ich mein Winterquartier gebaut – eine flache Kuhle, überdeckt mit Blättern und Zweigen. Die Luft darunter ist still und riecht nach Erde. Bald werde ich in die den Winterschlaf beginnen.

Doch heute Nacht ist es noch nicht so weit. Die Luft ist klar, der Boden feucht. Ich höre tapsige Schritte, bevor ich es rieche. Ein fremdes Tier kommt auf mich zu, größer als ein Fuchs. Dann ein heller Atemstoß, dicht gefolgt von warmem Dunst. Es ist ein Hund!

Er hat mich gewittert. Ein kurzer Moment Stille, dann stößt seine Schnauze das Laub über mir zur Seite. Ich ziehe mich eng zusammen und stelle meine Stacheln auf in alle Richtungen. Was will dieses Tier? Der Lärm des Raschelns übertönt fast mein eigenes Atmen.

Doch die Berührung bleibt aus. Nur warmer Atem dringt durch die Blätter. Der Hund gibt ein leises Schnauben, dann ein neugieriges Fiepen von sich. Er schnuppert, scharrt etwas und zieht sich dann zurück. Vielleicht ist er noch jung und neugierig, aber er scheint nicht gefährlich zu sein. Seine Schritte entfernen sich, bis wieder nur das Tropfen der Feuchtigkeit von den Blättern zu hören ist.

Ich warte lange. Schreck lass nach. Als alles still ist, entrolle ich mich vorsichtig. Mein Herz schlägt noch schnell, aber die Gefahr ist vorüber. Einige Blätter sind verrutscht und meine Höhle ist zerstört. Ich beginne, neues Material nachzuziehen – Zweig für Zweig und Blatt für Blatt. Der Geruch des Hundes bleibt noch in der Luft und vermischt sich mit Erde und Laub.

Die Nächte werden bald kälter sein. Bis dahin muss ich mein Winterquartier wieder aufgebaut haben. Im Winterschlaf werde ich kaum noch atmen. Mein Herz wird nur wenige Male in der Minute schlagen. Ich werde schlafen, bis das Laub wieder trocken und der Boden weich ist. Bis es wieder nach Frühling riecht.


Draußen fällt der erste Frost. Der Garten ruht – und irgendwo darunter atmet leise ein erfahrener Igel weiter.

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