Noch liegt feuchte Morgenluft über den Feldern, als sich etwas im Schwarm verändert. Die Geräusche werden dichter, die Bewegung unruhiger. Der Zeitpunkt ist gekommen.
Ich sitze auf einer Telefonleitung am Rand eines abgeernteten Feldes. Der Boden ist hart, das Stoppelfeld riecht nach Erde und Resten von Korn. Insekten sind selten geworden, die Beerensträucher tragen nur noch vereinzelte Früchte. Seit Tagen spüre ich es – ein inneres Ziehen, das stärker wird, je kürzer die Tage sind.
Wir Stare sind gesellige Vögel. Schon seit Wochen schließen sich einzelne Trupps zu größeren Schwärmen zusammen. Tausende Tiere sammeln sich an Schlafplätzen in Schilfgebieten oder auf alten Bäumen. Das schützt uns vor Greifvögeln und erleichtert den Start in die gemeinsame Richtung. Unsere Reise wird uns nach Südwesten führen, viele von uns bis nach Frankreich oder Spanien, wo wir in mildem Klima überwintern.
Noch bleibt der Schwarm ruhig. Ein Windstoß fährt durch die Pappeln. Dann löst sich eine kleine Gruppe – und plötzlich fliegen alle. Das Geräusch der Flügel füllt die Luft, ein gleichmäßiges Rauschen, das anschwillt wie ein nahender Regen. Wir steigen auf, erst ungeordnet, dann in rhythmischer Bewegung. Kein Tier führt, und doch entsteht eine klare Richtung.
Von oben ist die Landschaft in Dunst gehüllt. Zwischen den Feldern ziehen Nebelstreifen, darüber flirrt der Schwarm – eine dichte Wolke, die ihre Form ständig verändert. Diese Bewegungen, das „Schwarmtanzen“, sind kein Zufall: Sie halten Feinde wie Wanderfalken auf Abstand, weil kein einzelner Vogel leicht zu fassen ist.
Die Sonne steht noch tief, als wir Kurs aufnehmen. Orientierung geben uns Landmarken, der Sonnenstand und das Erdmagnetfeld. In ein bis zwei Tagen werden wir eine Zwischenrast einlegen, vielleicht in einem französischen Feuchtgebiet. Dort werden wir fressen und Kraft sammeln, bevor es weitergeht.
Hinter uns wird der Himmel heller, über den Feldern beginnen Nebel und Stimmen zu verblassen. Der Sommer ist endgültig vorbei. Vor uns liegt eine Strecke von über tausend Kilometern – vertraut, gefährlich und notwendig.
Der Schwarm zieht davon, bis nur noch ein dunkler Streifen am Himmel bleibt. Zurück bleiben leere Drähte, feuchte Erde – und das Echo eines Aufbruchs, der jedes Jahr wiederkehrt.

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